BGH, Beschluss vom 25.03.2021, AZ VI ZR 505/19

Aus­ga­be: 2/3–2021

Sach­ver­halt

Der Klä­ger erwarb im Mai 2015 von einem Auto­haus einen gebrauch­ten Audi A6 Avant, der mit einem 2,0‑Liter Die­sel­mo­tor des Typs EA189, Schad­stoff­norm Euro 5 aus­ge­stat­tet ist. Die Beklag­te ist Her­stel­le­rin des Wagens. Der von der Volks­wa­gen AG ent­wi­ckel­te und gelie­fer­te Motor war mit einer Soft­ware ver­se­hen, die erkennt, ob sich das Fahr­zeug auf einem Prüf­stand im Test­be­trieb befin­det, und die in die­sem Fall in einen Stick­oxid-opti­mier­ten Modus schal­tet. Es erge­ben sich dadurch auf dem Prüf­stand gerin­ge­re Stick­oxid-Emis­si­ons­wer­te als im nor­ma­len Fahr­be­trieb. Für die Ertei­lung der Typ­ge­neh­mi­gung der Emis­si­ons­klas­se Euro 5 maß­geb­lich war der Stick­oxid­aus­stoß auf dem Prüfstand. 

Im Sep­tem­ber 2015 wur­de die Ver­wen­dung der Soft­ware mit den zwei Betriebs­mo­di zur Fahr­zeug­steue­rung bekannt. Im Okto­ber 2015 ord­ne­te das Kraft­fahrt­bun­des­amt (KBA) gegen­über der Volks­wa­gen AG nach­träg­li­che Neben­be­stim­mun­gen für die erteil­te Typ­ge­neh­mi­gung an. Die Volks­wa­gen AG wur­de dar­in ver­pflich­tet, bei allen betrof­fe­nen Fahr­zeu­gen, bei denen inner­halb des VW-Kon­zerns Die­sel­mo­to­ren vom Typ EA189 EU 5 zum Ein­bau gelang­ten, die aus Sicht des Kraft­fahrt­bun­des­am­tes unzu­läs­si­ge Abschalt­ein­rich­tung zu besei­ti­gen und die Ein­hal­tung der maß­geb­li­chen Grenz­wer­te ander­wei­tig zu gewähr­leis­ten. In der Fol­ge wur­de auf das Fahr­zeug des Klä­gers im Juli 2016 ein Soft­ware-Update auf­ge­spielt. Mit sei­ner Kla­ge ver­langt der Klä­ger im Wesent­li­chen Ersatz des für das Fahr­zeug gezahl­ten Kauf­prei­ses nebst Zin­sen Zug um Zug gegen Rück­ga­be des Fahrzeugs. 

Bis­he­ri­ger Prozessverlauf 

Das Land­ge­richt hat der Kla­ge bis auf einen Teil der ver­lang­ten Zin­sen statt­ge­ge­ben. Das Ober­lan­des­ge­richt hat unter Zulas­sung der Revi­si­on die Ver­ur­tei­lung der Beklag­ten zur Leis­tung von Scha­dens­er­satz dem Grun­de nach bestä­tigt, bei der Bemes­sung der Höhe des zu zah­len­den Betra­ges aller­dings einen Abzug von der Kauf­preis­sum­me wegen der erfolg­ten Nut­zung des Fahr­zeugs durch den Klä­ger vor­ge­nom­men. Gegen die­ses Urteil hat die Beklag­te Revi­si­on eingelegt. 

Ent­schei­dung des Senats: 

Der unter ande­rem für das Recht der uner­laub­ten Hand­lun­gen zustän­di­ge VI. Zivil­se­nat hat das ange­foch­te­ne Urteil auf­ge­ho­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurückverwiesen. 

Das Beru­fungs­ge­richt hat ins­be­son­de­re nicht fest­ge­stellt, dass nicht nur bei der Mut­ter­ge­sell­schaft, son­dern auch bei der Beklag­ten eine auf arg­lis­ti­ge Täu­schung des KBA und letzt­lich der Fahr­zeu­ger­wer­ber gerich­te­te Stra­te­gie­ent­schei­dung getrof­fen wur­de oder für die Beklag­te han­deln­de Per­so­nen an der von der Mut­ter­ge­sell­schaft getrof­fe­nen Ent­schei­dung zumin­dest betei­ligt waren. 

Aller­dings kommt ein sit­ten­wid­ri­ges Vor­ge­hen der Beklag­ten auch dann in Betracht, wenn die für die Beklag­te han­deln­den Per­so­nen wuss­ten, dass die von der Mut­ter­ge­sell­schaft gelie­fer­ten Moto­ren mit einer auf arg­lis­ti­ge Täu­schung des KBA abzie­len­den Prüf­stands­er­ken­nungs­soft­ware aus­ge­stat­tet waren, und die von der Beklag­ten her­ge­stell­ten Fahr­zeu­ge in Kennt­nis die­ses Umstan­des mit die­sem Motor ver­sa­hen und in den Ver­kehr brach­ten. Ein der­ar­ti­ges Vor­stel­lungs­bild hat das Beru­fungs­ge­richt aber im Hin­blick auf Per­so­nen, für deren Ver­hal­ten die Beklag­te ent­spre­chend § 31 BGB ein­zu­ste­hen hat, nicht rechts­feh­ler­frei festgestellt. 

Rechts­feh­ler­haft hat das Beru­fungs­ge­richt ange­nom­men, die Haf­tung der Beklag­ten wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung nach § 826 BGB kön­ne mit­tels einer Zurech­nung des Wis­sens von ver­fas­sungs­ge­mä­ßen Ver­tre­tern der Volks­wa­gen AG ent­spre­chend § 166 BGB begrün­det wer­den. Nach der Recht­spre­chung des Senats (Senats­ur­teil vom 28. Juni 2016 — VI ZR 536/15) setzt die Haf­tung einer juris­ti­schen Per­son aus § 826 BGB in Ver­bin­dung mit § 31 BGB vor­aus, dass einer ihrer ver­fas­sungs­mä­ßig beru­fe­nen Ver­tre­ter im Sin­ne des § 31 BGB den objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­be­stand des § 826 BGB per­sön­lich ver­wirk­licht hat. Über eine Wis­sens­zu­sam­men­rech­nung führt kein Weg zu dem für das Merk­mal der Sit­ten­wid­rig­keit im Sin­ne des § 826 BGB erfor­der­li­chen mora­li­schen Unwert­ur­teil. So wie sich die die Ver­werf­lich­keit begrün­den­de bewuss­te Täu­schung nicht dadurch kon­stru­ie­ren lässt, dass die im Hau­se der juris­ti­schen Per­son vor­han­de­nen kogni­ti­ven Ele­men­te “mosa­ik­ar­tig” zusam­men­ge­setzt wer­den, weil eine sol­che Kon­struk­ti­on dem per­so­na­len Cha­rak­ter der Scha­dens­er­satz­pflicht gemäß § 826 BGB nicht gerecht wür­de, so lässt sie sich erst recht nicht mit einer Wis­sens­zu­rech­nung über die Gren­zen recht­lich selb­stän­di­ger (Konzern-)Gesellschaften hin­aus begründen. 

Zudem hat das Beru­fungs­ge­richt nicht die erfor­der­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen für die Annah­me einer sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last der Beklag­ten zu Vor­gän­gen inner­halb ihres Unter­neh­mens, die auf eine Kennt­nis ihrer ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ver­tre­ter von der Ver­wen­dung der unzu­läs­si­gen Abschalt­ein­rich­tung schlie­ßen las­sen sol­len, getroffen.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/recht…