BGH, Beschluss vom 17.01.2022, AZ VII ZR 238/20, VII ZR 243/20, VII ZR 257/20 und VII ZR 38/21

Aus­ga­be: 12–2021

Der unter ande­rem für Scha­dens­er­satz­an­sprü­che aus uner­laub­ten Hand­lun­gen, die den Vor­wurf einer unzu­läs­si­gen Abschalt­ein­rich­tung bei einem Kraft­fahr­zeug mit Die­sel­mo­tor zum Gegen­stand haben, zustän­di­ge VII. Zivil­se­nat hat in vier gleich­zei­tig ver­han­del­ten Sachen über Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen die AUDI AG im Zusam­men­hang mit der soge­nann­ten “Umschalt­lo­gik” beim Motor­typ EA 189 ent­schie­den und hier­bei die statt­ge­ben­den Ent­schei­dun­gen der Vor­in­stan­zen jeweils bestätigt. 

Sach­ver­halt:

In den vier Ver­fah­ren nah­men die jewei­li­gen Kla­ge­par­tei­en die beklag­te Fahr­zeug­her­stel­le­rin auf Scha­dens­er­satz wegen Ver­wen­dung einer unzu­läs­si­gen Abschalt­ein­rich­tung für die Abgas­rei­ni­gung in Anspruch. 

Der Klä­ger im Ver­fah­ren VII ZR 238/20 erwarb im April 2014 einen von der Beklag­ten her­ge­stell­ten Pkw Audi Q5 2.0 TDI als Gebraucht­wa­gen zum Preis von 20.500 €. Die Klä­ge­rin im Ver­fah­ren VII ZR 243/20 erwarb im März 2014 einen von der Beklag­ten her­ge­stell­ten Pkw Audi A3 1.6 TDI als Gebraucht­wa­gen zum Preis von 12.000 €. Der Klä­ger im Ver­fah­ren VII ZR 257/20 erwarb im Novem­ber 2014 einen von der Beklag­ten her­ge­stell­ten Pkw Audi A5 Sport­back 2.0 TDI als Gebraucht­wa­gen zum Preis von 29.970 €. Der Klä­ger im Ver­fah­ren VII ZR 38/21 erwarb im Juni 2009 ein von der Beklag­ten her­ge­stell­tes Neu­fahr­zeug Audi A4 2.0 TDI zum Preis von 30.526,80 €.

Die vier Fahr­zeu­ge sind jeweils mit einem von der Volks­wa­gen AG her­ge­stell­ten Die­sel­mo­tor der Bau­rei­he EA 189 aus­ge­stat­tet. Die­ser ver­füg­te über eine Soft­ware, die den Stick­oxid­aus­stoß im Prüf­stand ver­rin­ger­te. Die Motor­steue­rung war so pro­gram­miert, dass bei Mes­sung der Schad­stoff­emis­sio­nen auf einem Prüf­stand die­se Situa­ti­on erkannt wird. Nach Bekannt­wer­den der “Umschalt­lo­gik” ver­pflich­te­te das Kraft­fahrt-Bun­des­amt (KBA) die Beklag­te zur Ent­fer­nung der als unzu­läs­si­ge Abschalt­ein­rich­tung qua­li­fi­zier­ten Soft­ware und dazu, geeig­ne­te Maß­nah­men zur Wie­der­her­stel­lung der Vor­schrifts­mä­ßig­keit zu ergrei­fen. Dar­auf­hin wur­de ein Soft­ware-Update ent­wi­ckelt, wel­ches auf das Fahr­zeug der jewei­li­gen Kla­ge­par­tei auf­ge­spielt wurde. 

Bis­he­ri­ger Prozessverlauf: 

Die in der Haupt­sa­che zuletzt jeweils auf Erstat­tung des Kauf­prei­ses abzüg­lich einer Nut­zungs­ent­schä­di­gung Zug um Zug gegen Über­ga­be und Über­eig­nung des Fahr­zeugs gerich­te­ten Kla­gen hat­ten in den Vor­in­stan­zen über­wie­gend Erfolg. 

Ent­schei­dung des Bundesgerichtshofs: 

Der Bun­des­ge­richts­hof hat mit sei­nen vier heu­te ver­kün­de­ten Urtei­len die Revi­sio­nen der Beklag­ten zurückgewiesen
.
Das Beru­fungs­ge­richt hat im Ergeb­nis in allen vier Fäl­len einen Scha­dens­er­satz­an­spruch der jewei­li­gen Kla­ge­par­tei aus § 826 BGB zu Recht ange­nom­men. Es hat in tatrich­ter­li­cher Wür­di­gung rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt, dass ein ver­fas­sungs­mä­ßig beru­fe­ner Ver­tre­ter der Beklag­ten im Sin­ne von § 31 BGB die objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des § 826 BGB ver­wirk­licht hat. Die Beklag­te han­del­te sit­ten­wid­rig, indem sie Fahr­zeu­ge mit dem von der Volks­wa­gen AG gelie­fer­ten Motor EA 189, dar­un­ter die streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeu­ge, in den Ver­kehr brach­te, obwohl nach den tatrich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen wenigs­tens eine ver­ant­wort­lich für sie han­deln­de Per­son wuss­te, dass der Motor mit einer auf arg­lis­ti­ge Täu­schung des KBA abzie­len­den Prüf­stands­er­ken­nungs­soft­ware aus­ge­stat­tet war. 

Zwar kann das sit­ten­wid­ri­ge Ver­hal­ten eines ver­fas­sungs­mä­ßig beru­fe­nen Ver­tre­ters einer juris­ti­schen Per­son ent­ge­gen der Annah­me des Beru­fungs­ge­richts nicht mit­tels einer Zurech­nung frem­den Wis­sens ent­spre­chend § 166 BGB begrün­det wer­den (Anschluss an BGH, Urteil vom 8. März 2021 — VI ZR 505/19, NJW 2021, 1669; Urteil vom 28. Juni 2016 — VI ZR 536/15, NJW 2017, 250). Auch schei­det vor­lie­gend die vom Beru­fungs­ge­richt ange­nom­me­ne Haf­tung wegen einer angeb­lich unzu­läs­si­gen Orga­ni­sa­ti­on des Typ­ge­neh­mi­gungs­ver­fah­rens aus. Eben­so wenig trag­fä­hig sind die beru­fungs­ge­richt­li­chen Erwä­gun­gen, die Beklag­te sei ver­pflich­tet und in der Lage gewe­sen, den Motor EA 189 eigen­stän­dig auf Geset­zes­ver­stö­ße zu über­prü­fen und zu die­sem Zweck Aus­künf­te der Volks­wa­gen AG ein­zu­ho­len. Etwai­ge Ver­säum­nis­se der Beklag­ten in die­ser Hin­sicht könn­ten grund­sätz­lich nicht den für eine Haf­tung aus § 826 BGB erfor­der­li­chen Vor­satz, son­dern ledig­lich einen Fahr­läs­sig­keits­vor­wurf begründen. 

Das Beru­fungs­ge­richt hat jedoch in revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se selb­stän­dig tra­gend die freie tatrich­ter­li­che Über­zeu­gung gemäß § 286 Abs. 1 Satz 1 ZPO gewon­nen, dass wenigs­tens ein an der Ent­schei­dung über den Ein­satz des Motors EA 189 in Fahr­zeu­gen der Beklag­ten betei­lig­ter Reprä­sen­tant der Beklag­ten im Sin­ne des § 31 BGB von der — evi­dent unzu­läs­si­gen (BGH, Beschluss vom 19. Janu­ar 2021 — VI ZR 433/19 Rn. 17, VersR 2021, 388) — “Umschalt­lo­gik” gewusst habe. 

Gemäß § 286 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist es grund­sätz­lich Sache des Tatrich­ters, unter Berück­sich­ti­gung des gesam­ten Inhalts der Ver­hand­lun­gen und des Ergeb­nis­ses einer etwai­gen Beweis­auf­nah­me nach frei­er Über­zeu­gung zu ent­schei­den, ob eine tat­säch­li­che Behaup­tung für wahr oder nicht wahr zu erach­ten ist. Das Revi­si­ons­ge­richt kann inso­weit nur prü­fen, ob sich der Tatrich­ter mit dem Pro­zess­stoff umfas­send und wider­spruchs­frei aus­ein­an­der­ge­setzt hat, die Wür­di­gung also voll­stän­dig und recht­lich mög­lich ist und nicht gegen Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt. Rechts­feh­ler in die­sem Sin­ne hat die Revi­si­on jeweils nicht aufgezeigt. 

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/recht…