Die Beru­fung der Beklag­ten gegen das am 28. Sep­tem­ber 2007 ver­kün­de­te Urteil des Ein­zel­rich­ters der 6. Zivil­kam­mer des Land­ge­richts Kiel wird zurück­ge­wie­sen.

Die Beklag­te trägt die Kos­ten des Beru­fungs­ver­fah­rens.

Das Urteil ist vor­läu­fig voll­streck­bar.

Der Beklag­ten wird nach…

(vdvka) …gelas­sen, die Zwangs­voll­stre­ckung durch Sicher­heits­leis­tung oder Hin­ter­le­gung in Höhe von 110 % des auf­grund die­ses Urteils voll­streck­ba­ren Betra­ges abzu­wen­den, wenn nicht die Klä­ge­rin vor der Voll­stre­ckung Sicher­heit in Höhe von 110 % des jeweils zu voll­stre­cken­den Betra­ges leis­tet.

Grün­de

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Auf die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen im ange­foch­te­nen Urteil wird Bezug genom­men.

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Die Klä­ge­rin nimmt die Beklag­te auf Zah­lung wei­te­ren Schmer­zens­gel­des sowie umfas­sen­de Fest­stel­lung in Anspruch. Dem zugrun­de liegt ein Ver­kehrs­un­fall vom 21.06.2004, an dem betei­ligt waren die Klä­ge­rin als Fah­re­rin eines Pkw und ein bei der Beklag­ten sei­ner­zeit gegen Haft­pflicht­schä­den ver­si­cher­ter Lkw. Die­ser hat­te der Klä­ge­rin die Vor­fahrt genom­men, die vol­le Haf­tung der Beklag­ten dem Grun­de nach ist unstrei­tig.

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Die Par­tei­en haben erst­in­stanz­lich dar­um gestrit­ten und strei­ten zweit­in­stanz­lich wei­ter­hin dar­um, ob die Klä­ge­rin infol­ge des Unfalls – neben diver­sen ande­ren, zweit­in­stanz­lich mitt­ler­wei­le unstrei­ti­gen Ver­let­zun­gen – ein post­trau­ma­ti­sches Belas­tungs­syn­drom erlit­ten hat.

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Das Land­ge­richt hat mit dem ange­foch­te­nen Urteil der auf Zah­lung wei­te­rer 27.250,00 Euro Schmer­zens­geld (nebst Zin­sen) gerich­te­ten Kla­ge sowie dem umfas­sen­den Fest­stel­lungs­be­geh­ren der Klä­ge­rin in vol­lem Umfan­ge statt­ge­ge­ben. Dabei hat es das Vor­lie­gen einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung auf­grund eines vor­ge­richt­lich ein­ge­hol­ten neu­ro­lo­gisch-psych­ia­tri­schen Gut­ach­tens (Anla­ge K 3) als bewie­sen ange­se­hen.

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Die Beklag­te rügt das Vor­ge­hen des Land­ge­richts mit der Beru­fung als ver­fah­rens­feh­ler­haft; sie hält dar­über hin­aus ein Schmer­zens­geld von ins­ge­samt 30.000,00 Euro (27.250,00 Euro plus vor­ge­richt­lich gezahl­te 2.750,00 Euro) für über­setzt und meint, auch das Fest­stel­lungs­be­geh­ren sei unbe­grün­det.

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Die Beklag­te bean­tragt,

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die Kla­ge unter Auf­he­bung des Urteils des Land­ge­richts Kiel vom 28.09.2007 – AZ 6 O 84/06 – abzu­wei­sen,

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wäh­rend die Klä­ge­rin auf Zurück­wei­sung der Beru­fung anträgt.

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Der Senat hat gemäß Beweis­be­schluss vom 10.01.2008 ein Gut­ach­ten des psych­ia­tri­schen Sach­ver­stän­di­gen Dr. A ein­ge­holt. Wegen des Inhalts wird auf das Gut­ach­ten vom 19.08.2008 (Bl. 149 – 173 d. A.) ver­wie­sen; der Sach­ver­stän­di­ge hat die­ses Gut­ach­ten, wie aus der Sit­zungs­nie­der­schrift über den Senats­ter­min vom 8. Dezem­ber 2008 (Bl. 206 ff d.A.) ersicht­lich, erläu­tert.

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Die Beru­fung der Beklag­ten ist unbe­grün­det.

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Im Ergeb­nis zutref­fend hat das Land­ge­richt die Beklag­te zur Zah­lung eines wei­te­ren Schmer­zens­gel­des ver­ur­teilt und auch dem umfas­sen­den Fest­stel­lungs­be­geh­ren der Klä­ge­rin statt­ge­ge­ben.

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Zwar ist das land­ge­richt­li­che Urteil rechts- und ver­fah­rens­feh­ler­haft im Sin­ne von § 513 Abs. 1 ZPO zustan­de gekom­men, indem das Land­ge­richt es auf­grund des vor­ge­richt­lich ein­ge­hol­ten Gut­ach­tens als “bewie­sen” ange­se­hen hat, dass die Klä­ge­rin infol­ge des Unfal­les unter einer fort­dau­ern­den post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung lei­det; außer­ge­richt­li­che Gut­ach­ten sind sub­stan­ti­ier­ter Sach­vor­trag, hin­ge­gen kei­ne Beweis­mit­tel. Die Beklag­te hat schon erst­in­stanz­lich den Inhalt die­ses Gut­ach­tens bestrit­ten. Ange­sichts des­sen wäre das Land­ge­richt gehal­ten gewe­sen, Beweis zu erhe­ben. Dem hat der Senat durch die Ein­ho­lung des Gut­ach­tens des Sach­ver­stän­di­gen Dr. A abge­hol­fen.

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Auf­grund des münd­lich erläu­ter­ten Gut­ach­tens des Sach­ver­stän­di­gen Dr. A erweist sich das Begeh­ren der Klä­ge­rin als berech­tigt (§§ 7, 11 Satz 2, 18 StVG).

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Der Sach­ver­stän­di­ge hat sowohl in sei­nem schrift­li­chen Gut­ach­ten als auch im Rah­men sei­ner münd­li­chen Anhö­rung dazu bestä­tigt, dass die Klä­ge­rin infol­ge des Unfal­les an einer (fort­dau­ern­den) post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung lei­det.

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Die Kri­tik der Beklag­ten, die dahin geht, der Sach­ver­stän­di­ge habe sich für sei­ne Dia­gno­se allein auf die Anga­ben der Klä­ge­rin ver­las­sen, geht ins Lee­re. Schon in sei­nem schrift­li­chen Gut­ach­ten hat der Sach­ver­stän­di­ge aus­ge­führt (Bl. 166 ff. d.A.), dass sich bei der Über­prü­fung kei­ne Hin­wei­se für psy­cho­ti­sche Fehl­wahr­neh­mun­gen erge­ben hät­ten, auch das zur Über­prü­fung her­an­ge­zo­ge­ne stan­dar­di­sier­te kli­ni­sche Ver­fah­ren habe die Dia­gno­se einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung bestä­tigt. Dies hat der Sach­ver­stän­di­ge im Rah­men sei­ner münd­li­chen Anhö­rung wei­ter erläu­tert, indem er aus­ge­führt hat: “…Dia­gno­sen kön­nen, wie hier, ein­deu­tig sein, weil bestimm­te Sym­ptom­kon­stel­la­tio­nen für die Dia­gno­se spre­chen. So ver­hält es sich hier. Die von Frau B geschil­der­ten Sym­pto­me sind typisch für eine post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung. Es ist ja nun auch nicht so, dass wir das ein­fach glau­ben, die Dia­gno­se wird über­prüft. Hier habe ich kei­nen Zwei­fel an der Dia­gno­se einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung… Ich kann zwar nicht mit hun­dert­pro­zen­ti­ger Sicher­heit aus­schlie­ßen, dass Der­ar­ti­ges simu­liert wer­den kann, auch wenn vege­ta­ti­ve Reak­tio­nen kaum zu simu­lie­ren sind. Hier ver­hält es sich nun aber so, dass kei­ner­lei Anzei­chen für ein Simu­lie­ren bei Frau B vor­la­gen”.

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Der Senat sieht kei­nen Grund, an den Fest­stel­lun­gen des Sach­ver­stän­di­gen zu zwei­feln.

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Auch der Höhe nach ist das Schmer­zens­geld mit einem Gesamt­be­trag von 30.000,00 Euro nicht zu bean­stan­den.

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Abge­se­hen ein­mal davon, dass die Klä­ge­rin bei dem Unfall erheb­li­che Ver­let­zun­gen erlit­ten hat, näm­lich eine HWS-Dis­tor­si­on, eine Nasen­bein­frak­tur, Mul­ti­ple Prel­lun­gen, Schürf- und Schnitt­ver­let­zun­gen, ein Schä­del­hirn­trau­ma 1. Gra­des, ein stump­fes Bauch­t­rau­ma mit Ster­num­prel­lung, Becken­prel­lun­gen bei­der­seits, eine dista­le Radi­us­frak­tur und erheb­li­che Schä­di­gun­gen zwei­er Zäh­ne, recht­fer­tigt im Zusam­men­spiel damit die unfall­be­ding­te, fort­dau­ern­de post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung das vom Land­ge­richt aus­geur­teil­te Schmer­zens­geld. Denn die Aus­wir­kun­gen die­ser psy­chi­schen Unfall­fol­ge sind ganz erheb­lich. Der Sach­ver­stän­di­ge Dr. A hat aus­ge­führt, dass die post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung der Klä­ge­rin zwar nicht in schlimms­ter Wei­se aus­ge­prägt ist, gleich­wohl die Fol­gen gra­vie­rend für die Klä­ge­rin sind. Die Klä­ge­rin hat ihren erlern­ten Beruf als Arzt­hel­fe­rin auf­ge­ben müs­sen, infol­ge ihrer Ängs­te konn­te sie ihn nicht mehr aus­üben. Dar­über hin­aus erzeugt bei ihr alles, was mit Stra­ßen­ver­kehr ver­bun­den ist, Angst. Dies wirkt sich bei­spiels­wei­se so aus, dass die Klä­ge­rin – wie sie in ihrer per­sön­li­chen Anhö­rung vor dem Senat geschil­dert hat – nicht allein ihre Woh­nung ver­las­sen kann. Zu der von ihr begon­ne­nen Umschu­lung wird sie hin­ge­fah­ren und auch wie­der abge­holt. Ins­ge­samt ist die Klä­ge­rin infol­ge des Unfalls — wie auch vom Sach­ver­stän­di­gen bestä­tigt – gegen­über ihrem Leben vor dem Unfall stark ein­ge­schränkt.

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Hin­ge­gen führt die Tat­sa­che, dass die Klä­ge­rin The­ra­pie­mög­lich­kei­ten (bis­lang) nur in unzu­rei­chen­dem Maße ergrif­fen hat, nicht zu einer Redu­zie­rung des Schmer­zens­geld­an­spru­ches. Es ist – wie der Senat aus vie­len ähn­lich lie­gen­den Fäl­len weiß und was auch der Sach­ver­stän­di­ge Dr. A wie­der bestä­tigt hat – gera­de eine typi­sche Fol­ge ihrer unfall­be­ding­ten psy­chi­schen Erkran­kung, dass The­ra­pie­mög­lich­kei­ten nicht oder nur in unzu­rei­chen­dem Maße ergrif­fen wer­den. Dies kann dem Geschä­dig­ten gera­de nicht im Sin­ne von § 254 BGB zum Vor­wurf gemacht wer­den.

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Letzt­lich kann bei der Schmer­zens­geld­be­mes­sung das Regu­lie­rungs- und Pro­zess­ver­hal­ten der Beklag­ten nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben; nicht nur, dass die Beklag­te von vorn­her­ein die Schmer­zens­geld­an­sprü­che der Klä­ge­rin unzu­rei­chend regu­liert hat; denn schon die rein kör­per­li­chen Ver­let­zun­gen recht­fer­ti­gen ein jeden­falls über 2.750,00 Euro ange­sie­del­tes Schmer­zens­geld. Die Beklag­te hat es trotz des von ihr selbst vor­ge­richt­lich ein­ge­hol­ten Gut­ach­tens, das schon eine post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung der Klä­ge­rin bestä­tigt hat, nicht nur auf das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren ankom­men las­sen, son­dern sie hat durch­gän­gig die Klä­ge­rin ver­däch­tigt, die Sym­pto­me einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung vor­zu­spie­geln mit dem Ziel, erhöh­te Ent­schä­di­gungs­leis­tun­gen zu erlan­gen, mit­hin die Klä­ge­rin ohne jeden kon­kre­ten Hin­ter­grund als Simu­lan­tin dar­stel­len wol­len.

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Unter Berück­sich­ti­gung aller vor­ge­nann­ten Fak­to­ren recht­fer­tigt sich damit ein Gesamt­schmer­zens­geld von 30.000,00 Euro; Zin­sen auf den aus­geur­teil­ten Betrag gebüh­ren der Klä­ge­rin gem. § 288, 291 BGB.

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Auch das umfas­sen­de Fest­stel­lungs­be­geh­ren der Klä­ge­rin ist begrün­det. Allein schon die unstrei­ti­gen, erheb­li­chen Ver­let­zun­gen der Klä­ge­rin durch den Unfall recht­fer­ti­gen die­sen Aus­spruch.

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Die Neben­ent­schei­dun­gen beru­hen auf den §§ 97Abs. 1, 708 Nr. 10 und 711 ZPO.

24

Grün­de für eine Zulas­sung der Revi­si­on lie­gen nicht vor.

Infor­ma­tio­nen:

  • Gericht/Herausgeber: Schles­wig-Hol­stei­ni­sches Ober­lan­des­ge­richt 7. Zivi