Wer einem Nach­barn im Rah­men einer Gefäl­lig­keit leicht fahr­läs­sig einen Scha­den zufügt, für den die Gebäu­de- und Haus­rats­ver­si­che­rung des Nach­barn ein­tritt, kann von der Ver­si­che­rung in Regress genom­men wer­den. Aus dem Nach­bar­schafts­ver­hält­nis ergibt sich in die­sen Fäl­len kei­ne Haf­tungs­be­schrän­kung auf gro­be Fahr­läs­sig­keit und Vor­satz. Das hat der 9. Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts Hamm am 17.11.2015 ent­schie­den und damit das erst­in­stanz­li­che Urteil des Land­ge­richts Müns­ter abge­än­dert.
Die Klä­ge­rin, eine Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft aus Köln, nimmt den haft­pflicht­ver­si­cher­ten Beklag­ten, Haus­ei­gen­tü­mer in Saer­beck, aus Anlass erbrach­ter Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen in Regress. Dem bei ihr ver­si­cher­ten Nach­barn des Beklag­ten erstat­te­te die Klä­ge­rin aus einer Gebäu­de- und Haus­rat­ver­si­che­rung ca. 7.300 Euro für einen im August 2013 ein­ge­tre­te­nen Was­ser­scha­den. In lang­jäh­ri­ger Übung über­nah­men der Beklag­te und sein Nach­bar wech­sel­sei­tig die Bewäs­se­rung der Haus­gär­ten in der urlaubs­be­ding­ten Abwe­sen­heit des jeweils ande­ren. So auch im August 2013. Wäh­rend die­ses Urlaubs des Nach­barn lief der in sei­nem Gar­ten gele­ge­ne Teich über. Das über­lau­fen­de Was­ser drang in die Kel­ler­räu­me des Hau­ses des Nach­barn ein und ver­ur­sach­te dort den Was­ser­scha­den. Zuvor hat­te der Beklag­te abspra­che­ge­mäß den nach­bar­schaft­li­chen Gar­ten mit Was­ser aus dem Teich bewäs­sert und den Teich sodann über einen an der Außen­was­ser­stel­le ange­schlos­se­nen Schlauch auf­ge­füllt. Nach dem Vor­trag der Klä­ge­rin hat­te der Beklag­te dabei ver­ges­sen, den Was­ser­hahn nach dem Auf­fül­len des Tei­ches wie­der abzu­sper­ren, so dass der Teich über­lau­fen konn­te.
Das Land­ge­richt wies die Regress­kla­ge der Klä­ge­rin ab. Zur Begrün­dung führ­te es aus, das der einem Nach­barn aus leich­ter Fahr­läs­sig­keit zuge­füg­te Scha­den, den eine Gebäu­de- und Haus­rat­ver­si­che­rung des Nach­barn aus­glei­che, kei­nen Regress­an­spruch der Ver­si­che­rung gegen den Schä­di­ger begrün­de. Eben­so wie im Ver­hält­nis des Gebäu­de­ver­si­che­rers eines Ver­mie­ters zum haft­pflicht­ver­si­cher­ten Mie­ter, bei dem die Recht­spre­chung mit Rück­sicht auf das lang­fris­tig ange­leg­te Miet­ver­hält­nis eine Haf­tungs­be­schrän­kung anneh­me, müs­se eine sol­che auch für das gute nach­bar­schaft­li­che Ver­hält­nis gel­ten, das eben­so wie ein lang­fris­ti­ges Miet­ver­hält­nis von Span­nun­gen frei­ge­hal­ten wer­den soll­te, die durch die Ver­pflich­tung der Par­tei­en zur Unter­stüt­zung von Regress­an­sprü­chen ihrer jewei­li­gen Ver­si­che­rer ent­ste­hen könn­ten.
Die Beru­fung der kla­gen­den Ver­si­che­rung war erfolg­reich. Der 9. Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts Hamm hat der Klä­ge­rin den gel­tend gemach­ten Regress­an­spruch zuer­kannt.
Das Rechts­ver­hält­nis des Beklag­ten zu sei­nen Nach­barn sei, so der Senat, zwar nicht Gegen­stand einer ver­trag­li­chen Bezie­hung gewe­sen. Die Über­nah­me der Bewäs­se­rung des Gar­tens eines Nach­barn wäh­rend des­sen Urlaubs­ab­we­sen­heit gehö­re zu den all­täg­li­chen, unent­gelt­lich erbrach­ten Gefäl­lig­kei­ten im Rah­men einer intak­ten nach­bar­schaft­li­chen Gemein­schaft.
Aller­dings haf­te der Beklag­te delikts­recht­lich für den ver­ur­sach­ten Scha­den. Er habe es ver­säumt, den Was­ser­hahn nach dem Wie­der­auf­fül­len des Tei­ches zu schlie­ßen. Sein Ver­se­hen sei die ein­zi­ge ernst zu neh­men­de Erklä­rung für den Scha­den und begrün­de den Vor­wurf leicht fahr­läs­si­gen Ver­hal­tens.
Für einen zwi­schen dem Beklag­ten und sei­nem Nach­barn für den Fall einer leicht fahr­läs­si­gen Schä­di­gung ver­ein­bar­ten Haf­tungs­aus­schluss gebe es kei­ne Anhalts­punk­te. Nach den über­ein­stim­men­den Anga­ben des Beklag­ten und sei­nes Nach­barn habe man sich hier­über kei­ne Gedan­ken gemacht.
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts las­se sich allein aus dem guten Nach­bar­schafts­ver­hält­nis kei­ne Haf­tungs­be­schrän­kung auf gro­be Fahr­läs­sig­keit und Vor­satz ablei­ten. Eine sol­che Haf­tungs­be­schrän­kung erken­ne die Recht­spre­chung nur bei Gebäu­de­ver­si­che­rungs­ver­trä­gen zwi­schen dem ver­mie­ten­den Haus­ei­gen­tü­mer als Ver­si­che­rungs­neh­mer und sei­ner Gebäu­de­ver­si­che­rung an. Sie sei nicht auf ande­re Fall­ge­stal­tun­gen zu über­tra­gen.
Der hin­ter der Annah­me eines Regress­ver­zichts ste­hen­de Gedan­ke — die Ver­mei­dung der Belas­tung eines Miet­ver­hält­nis­ses — kön­ne nicht ohne wei­te­res auf ande­re Kon­stel­la­tio­nen wie z.B. die Beschä­di­gung des Haus­rats des Ver­mie­ters durch den Mie­ter ange­wandt wer­den. Das Gebrauchs­recht des Mie­ters bezie­he sich auf das Gebäu­de und nicht auch auf den Haus­rat des Ver­mie­ters, für deren Ver­si­che­rungs­prä­mi­en der Mie­ter zudem in kei­ner Wei­se auf­kom­me. Anders bei der Gebäu­de­ver­si­che­rung, bei der der Mie­ter über den kal­ku­lier­ten Kalt­miet­zins oder durch die geson­dert erho­be­nen Neben­kos­ten an der Prä­mie betei­ligt sei. Wenn man das Miet­ver­hält­nis von Belas­tun­gen aus einem Regress frei­hal­ten wol­le, müs­se man bei­spiels­wei­se auch dem Kraft­fahr­zeug-Kas­ko­ver­si­che­rer und dem Kran­ken­ver­si­che­rer des Ver­mie­ters einen Regress­ver­zicht zumu­ten, wenn der Mie­ter ver­se­hent­lich das Kraft­fahr­zeug des Ver­mie­ters beschä­di­ge oder den Ver­mie­ter kör­per­lich ver­let­ze. Einen der­ar­tig weit gefass­ten Regress­ver­zicht leh­ne die Recht­spre­chung zu Recht ab. Des­we­gen sei auch kein Regress­ver­zicht bei Scha­dens­fäl­len im Rah­men eines Nach­bar­schafts­ver­hält­nis­ses anzu­er­ken­nen.

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