Der Besitz von 15 g Mari­hua­na, des­sen THC-Kon­zen­tra­ti­on unbe­kannt ist, berech­tigt ohne wei­te­re Anhalts­punk­te nicht dazu, gemäß § 14 Abs. 1 Satz 2 FeV die Bei­brin­gung eines ärzt­li­chen Gut­ach­tens…

(vdvka)  Der Besitz von 15 g Mari­hua­na, des­sen THC-Kon­zen­tra­ti­on unbe­kannt ist, berech­tigt ohne wei­te­re Anhalts­punk­te nicht dazu, gemäß § 14 Abs. 1 Satz 2 FeV die Bei­brin­gung eines ärzt­li­chen Gut­ach­tens zu fordern.Aus dem Ent­schei­dungs­text

Die zuläs­si­ge Beschwer­de des Klä­gers gegen den Beschluss des Ver­wal­tungs­ge­richts vom 13. Janu­ar 2010, in dem die­ses es abge­lehnt hat, für das erst­in­stanz­li­che Kla­ge­ver­fah­ren Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu bewil­li­gen, ist begrün­det.

Die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe setzt nach § 166 VwGO i.V.m. § 114 Satz 1 ZPO die Bedürf­tig­keit des Antrag­stel­lers in per­sön­li­cher und wirt­schaft­li­cher Hin­sicht vor­aus, zudem muss die Rechts­ver­fol­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg bie­ten. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind hier gege­ben.

Der strei­ti­ge Fahr­erlaub­nis­ent­zie­hungs­be­scheid vom 27. Okto­ber 2009 beruht dar­auf, dass der Beklag­te gemäß § 11 Abs. 8 FeV auf die Unge­eig­ne­t­heit des Klä­gers zum Füh­ren von Kraft­fahr­zeu­gen geschlos­sen hat, weil die­ser ein von ihm gefor­der­tes fach­ärzt­li­ches Gut­ach­ten nicht vor­ge­legt hat. Die­ses war ange­ord­net wor­den, weil im Zuge einer Fahr­zeug­kon­trol­le bei dem Klä­ger am 11. Mai 2009 nach dem Grenz­über­tritt aus den Nie­der­lan­den 15,13 g Mari­hua­na gefun­den wor­den waren. Zur Begrün­dung der den Antrag auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe ableh­nen­den Ent­schei­dung hat das Ver­wal­tungs­ge­richt auf Ent­schei­dun­gen des OVG Nord­rhein-West­fa­len (Beschl. v. 15.5.2009 — 16 B 114/09 -, juris; Beschl. v. 15.3.2007 — 16 A 4487/04 — sowie ins­bes. Beschl. v. 15.3.2007 — 16 A 3899/05 -) Bezug genom­men. Danach reicht für die Anord­nung eines ärzt­li­chen Gut­ach­tens nach § 14 Abs. 1 FeV der nur gele­gent­li­che Can­na­bis­kon­sum nicht aus, wenn nicht zusätz­lich erschwe­ren­de Umstän­de vor­lie­gen (z. B. man­geln­de Tren­nung von Kon­sum und Ver­kehrs­teil­nah­me). Sofern sich jedoch über den gele­gent­li­chen Can­na­bis­kon­sum hin­aus Ver­dachts­mo­men­te für einen regel­mä­ßi­gen Kon­sum erge­ben, darf ein ärzt­li­ches Gut­ach­ten ver­langt wer­den. Hin­rei­chen­de Ver­dachts­mo­men­te für einen regel­mä­ßi­gen Kon­sum erge­ben sich nach die­ser Recht­spre­chung, wenn der Betref­fen­de einen Can­na­bis­vor­rat bei sich führt, der über einen Zeit­raum von jeden­falls zwei Mona­ten einen min­des­tens fünf­ma­li­gen Can­na­bis­kon­sum pro Woche ermög­licht. Dies sei bei einer gefun­de­nen Mari­hua­na­men­ge von min­des­tens 9 g der Fall. Da sich dar­aus ein Vor­rat von 48 Can­na­bis­kon­sum­ein­hei­ten erge­be, lägen hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te für einen im Hin­blick auf die Fahr­eig­nung pro­ble­ma­ti­schen Can­na­bis­kon­sum vor, der die Anord­nung eines medi­zi­ni­schen Gut­ach­tens recht­fer­ti­ge. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat sich die­ser Recht­spre­chung ange­schlos­sen und dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Men­ge von 9 g Mari­hua­na im vor­lie­gen­den Fall deut­lich (15,13 g) über­schrit­ten sei.

Zwei­fel an der Rich­tig­keit der Ent­schei­dun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len und damit auch des Beschlus­ses des ihm fol­gen­den Ver­wal­tungs­ge­richts erge­ben sich, weil nicht sicher erscheint und gege­be­nen­falls im Kla­ge­ver­fah­ren noch auf­ge­klärt wer­den müss­te, ob die vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ange­stell­te pau­scha­le Berech­nung der Kon­sum­ein­hei­ten anhand der gefun­de­ne Mari­hua­na­men­ge in die­ser All­ge­mein­heit trag­fä­hig oder vor­lie­gend eine kon­kre­te­re Betrach­tung ange­zeigt ist. Die­se Zwei­fel bestehen im Übri­gen auch, wenn man mit dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt (Urt. v. 26.2.2009 — 3 C 1.08 -, BVerw­GE 133, 186) unter regel­mä­ßi­ger Ein­nah­me von Can­na­bis im Sin­ne von Nr. 9.2.1 der Anla­ge 4 zur Fahr­erlaub­nis-Ver­ord­nung einen Kon­sum ver­steht, der nach wis­sen­schaft­li­chem Erkennt­nis­stand als sol­cher und ohne das Hin­zu­tre­ten wei­te­rer Umstän­de im Regel­fall die Fahr­eig­nung aus­schließt, wobei die­se Vor­aus­set­zun­gen jeden­falls dann vor­lie­gen, wenn täg­lich oder nahe­zu täg­lich Can­na­bis kon­su­miert wird. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len hat aus­ge­führt, dass für aus den Nie­der­lan­den ein­ge­führ­tes Mari­hua­na ein THC-Gehalt von jeden­falls 8 Pro­zent zugrun­de gelegt wer­den kön­ne. Auf die­ser Grund­la­ge hat es errech­net, dass sich bei einer pro Kon­sum­ein­heit zu ver­an­schla­gen­den THC-Men­ge von 15 mg aus 9 g Mari­hua­na rund 48 Can­na­bis­kon­sum­ein­hei­ten erge­ben (vgl. Beschl. v. 15.3.2007 — 16 A 3899/05 -). Den der Berech­nung zugrun­de geleg­ten THC-Gehalt von 8 Pro­zent hat es damit begrün­det, dass nach dem Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002 des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes der durch­schnitt­li­che THC-Wert für Mari­hua­na bei ca. 8,39 Pro­zent lag und bei aus den Nie­der­lan­den ein­ge­führ­ter Ware von ten­den­zi­ell höhe­ren Wirk­stoff­an­tei­len aus­ge­gan­gen wer­den müs­se. Die­se Argu­men­ta­ti­on ist nach der­zei­ti­gem Kennt­nis­stand des Sena­tes jedoch nicht ohne wei­te­res trag­fä­hig. Aus­weis­lich der Anga­ben der Deut­schen Haupt­stel­le für Sucht­fra­gen e.V. schwankt der THC-Gehalt von Mari­hua­na von 1 Pro­zent bis zu 15 Pro­zent (vgl. http://www.dhs.de/web/suchtstoffe/cannabis.php). In der Lite­ra­tur wer­den gar Wer­te von 1 Pro­zent bis über 20 Pro­zent genannt (Berr/Krause/Sachs, Dro­gen im Stra­ßen­ver­kehr, S. 214 m. w. N.). Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm im Jahr 1994 für sei­ne Ent­schei­dung Wer­te von unter 2 Pro­zent bei schlech­ter und bis zu 10 Pro­zent bei guter Qua­li­tät (vgl. BVerfG, Beschl. v. 9.3.1994 — 2 BvL 43/92 -, NJW 1994, 1577) an. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len weist in sei­ner Ent­schei­dung zwar zutref­fend dar­auf hin, dass der Wirk­stoff­ge­halt gera­de auch ange­sichts des ins­be­son­de­re in den Nie­der­lan­den prak­ti­zier­ten Indoor-Anbaus seit län­ge­rem eher ansteigt (vgl. Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002, S. 115 f.; Berr/Krause/Sachs, a. a. O.). Dar­aus allein lässt sich aber für den vor­lie­gen­den Fall nicht ablei­ten, dass das vom Klä­ger ein­ge­führ­te Mari­hua­na aller Wahr­schein­lich­keit nach einen Wirk­stoff­ge­halt von jeden­falls 8 Pro­zent besaß und die­se Kon­zen­tra­ti­on des­halb der Berech­nung zugrun­de gelegt wer­den durf­te. Auch bei dem aus den Nie­der­lan­den ein­ge­führ­ten Mari­hua­na gibt es nach tele­fo­ni­scher Aus­kunft des BKA näm­lich eine erheb­li­che Streu­brei­te hin­sicht­lich des Wirk­stoff­ge­hal­tes. Es ist inso­weit nach Anga­ben des BKA zu berück­sich­ti­gen, dass ver­schie­de­ne “Arten” von Mari­hua­na ver­trie­ben wer­den, näm­lich zum einen ein Gemisch von zer­rie­be­nen Blät­tern, Stän­gel­res­ten sowie Blü­ten der weib­li­chen Hanf­pflan­ze, wel­ches im All­ge­mei­nen einen THC-Gehalt von rund 2 Pro­zent auf­weist, und zum ande­ren der Blü­ten­ab­strich als Mari­hua­na “bes­se­rer Qua­li­tät”, der THC-Wer­te von 10 Pro­zent bis 15 Pro­zent, in Ein­zel­fäl­len bis zu 20 Pro­zent erreicht. Die­se Anga­ben fin­den ihre Ent­spre­chung auch in dem vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len zitier­ten Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002, wonach der Anteil des Mari­hua­nas mit weni­ger als 2 Pro­zent THC bei 18 Pro­zent des sicher­ge­stell­ten Mate­ri­als (vgl. Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002, S. 172) lag, auf der ande­ren Sei­te aber 46 Pro­zent des Mate­ri­als eine THC-Kon­zen­tra­ti­on von 8 bis 16 Pro­zent auf­wies. Legt man dies zugrun­de, ist der­zeit unge­klärt, ob die bei dem Klä­ger gefun­de­ne Men­ge von ca. 15 g Mari­hua­na tat­säch­lich, wie vom Ver­wal­tungs­ge­richt ange­nom­men, über einen Zeit­raum von mehr als zwei Mona­ten einen nahe­zu täg­li­chen Kon­sum ermög­licht hät­te. Bei einem Wirk­stoff­an­teil von 1 — 2 Pro­zent THC und der in der Recht­spre­chung auch des Senats zugrun­de geleg­ten Kon­sum­ein­heit von 15 mg THC (vgl. Beschl. v. 11.7.2003 — 12 ME 287/03 -, DAR 2003, 480; BGH, Beschl. v. 20.12.1995 — 3 StR 245/95 -, NJW 1996, 794) ergä­ben sich aus den auf­ge­fun­de­nen 15,13 g Mari­hua­na näm­lich “nur” 10 bis 20 Kon­sum­ein­hei­ten. Dage­gen wür­den sich bei einer eben­falls denk­ba­ren THC-Kon­zen­tra­ti­on von 10 — 15 Pro­zent aus dem Rausch­gift 100 bis 150 Kon­sum­ein­hei­ten gewin­nen las­sen. Die­se Wer­te kor­re­lie­ren auch mit ande­ren Anga­ben. Soweit die Lite­ra­tur für die Bestim­mung der Kon­sum­ein­heit nicht an die Men­ge des Wirk­stof­fes (THC), son­dern des Rausch­gif­tes ins­ge­samt anknüpft, wer­den näm­lich Wer­ten von ca. 0,1 g bis 1 g Haschisch bzw. Mari­hua­na je Kon­sum­akt genannt (vgl. etwa Möl­ler, in: Hettenbach/Kalus/Möller/Uhle, Dro­gen und Stra­ßen­ver­kehr, 2. Auf­la­ge, S. 384). Unter­stellt man zuguns­ten des Klä­gers eine Men­ge von 1 g je Kon­sum­akt, so bedeu­te­ten die bei ihm gefun­de­nen 15 g Mari­hua­na “nur” einen Vor­rat von ca. 15 Kon­sum­ein­hei­ten, wohin­ge­gen bei einer Ver­wen­dung von 0,1 g rund 150 Kon­sum­ak­te mög­lich wären. Berück­sich­tigt man, dass der Anteil des Mari­hua­nas mit weni­ger als 2 Pro­zent THC — wie dar­ge­legt — nach dem Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002 bei 18 Pro­zent des sicher­ge­stell­ten Mate­ri­als lag und “nur” etwas mehr als die Hälf­te der Pro­ben eine THC-Kon­zen­tra­ti­on von 8 Pro­zent oder mehr auf­wies (vgl. Rausch­gift­jah­res­be­richt 2002, S. 172), ist es jeden­falls nicht ohne wei­te­re Anhalts­punk­te zuläs­sig, für die Berech­nung der Kon­sum­ein­hei­ten einen THC-Gehalt von 8 Pro­zent zugrun­de zu legen.

Im Hin­blick dar­auf hat die Rechts­ver­fol­gung des Klä­gers auf der Basis des der­zei­ti­gen Kennt­nis­stan­des die für die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe erfor­der­li­che hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg. Der Klä­ger hat sei­ne Bedürf­tig­keit in per­sön­li­cher und wirt­schaft­li­cher Hin­sicht mit den von ihm ein­ge­reich­ten Unter­la­gen hin­rei­chend glaub­haft gemacht.

12 PA 41/10
OVG Lüne­burg
Beschluss vom 03.06.2010

Infor­ma­tio­nen:

  • Ver­öf­fent­licht: 03.06.2010