Bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob ein Ver­stoß gegen §§ 14 HeimG ‚134 BGB vor­liegt, kommt es auf den Zeit­punkt der Tes­ta­ments­er­rich­tung an und nicht auf den Ein­tritt des…

(vdvka)  Bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob ein Ver­stoß gegen §§ 14 HeimG ‚134 BGB vor­liegt, kommt es auf den Zeit­punkt der Tes­ta­ments­er­rich­tung an und nicht auf den Ein­tritt des Erb­falls. Eine Rück­wir­kung wur­de dem HeimG nach den Über­gangs­vor­schrif­ten in § 23 HeimG nicht bei­ge­mes­sen, auch nicht bezüg­lich sei­nes § 14.

Tenor

1. Auf die befris­te­te Beschwer­de des Beschwer­de­füh­rers wird das Nota­ri­at — Nach­lass­ge­richt — Fil­der­stadt II zur Ertei­lung eines neu­en, dem ein­ge­zo­ge­nen gleich­lau­ten­den Erb­scheins

ange­wie­sen.

2. Von der Erhe­bung der Gerichts­kos­ten wird abge­se­hen. Eine Erstat­tung außer­ge­richt­li­cher Kos­ten fin­det nicht statt.

Beschwer­de­wert: 304.500 EUR

Grün­de

1.
1
Nach Ertei­lung des Erb­scheins am 13. Juni 2009 für den Beschwer­de­füh­rer als allei­ni­gen Nach­er­ben des am 20. Sep­tem­ber 2008 ver­stor­be­nen ein­zi­gen Soh­nes der Erb­las­se­rin und Vor­er­ben auf Grund des nota­ri­el­len Tes­ta­ments vom 16. Juli 1974 hat das Nach­lass­ge­richt auf die Anre­gung der Nach­lass­pfle­ge­rin mit Beschluss vom 16. April 2010 den Erb­schein als unrich­tig ein­ge­zo­gen, weil die Erbein­set­zung des Beschwer­de­füh­rers gemäß § 134 BGB i.V.m. § 14 LHeimG B-W (bzw. frü­her § 14 HeimG) unwirk­sam sei. Im ein­zel­nen wird zur Sach­ver­halts­dar­stel­lung auf den Beschluss vom 16. April 2010 ver­wie­sen.
2
Gegen die am 20. April 2010 zuge­stell­te Ent­schei­dung hat der Beschwer­de­füh­rer durch sei­nen Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten beim Nota­ri­at am 29./30. April 2010 Beschwer­de ein­ge­legt, die ent­ge­gen der Vor­ankün­di­gung nicht begrün­det wur­de.
3
Das Nach­lass­ge­richt hat die Akten ohne Abhil­fe mit Beschluss vom 27. Mai 2010 dem Ober­lan­des­ge­richt zur Ent­schei­dung vor­ge­legt.
2.
4
Die befris­te­te Beschwer­de ist zuläs­sig und begrün­det.
a)
5
Gem. Art. 111, 112 FGG-RG rich­tet sich das vor­lie­gen­de Beschwer­de­ver­fah­ren nach dem Gesetz über das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und die Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit (FamFG).
6
Gegen­stand des Ver­fah­rens ist die erfolg­te Ein­zie­hung eines unrich­ti­gen Erb­scheins gemäß § 2361 BGB und damit die Durch­füh­rung eines Abän­de­rungs-/Auf­he­bungs­ver­fah­rens im Sin­ne des Art. 111 Abs. 1 Satz 2, Abs. 2 FGG-RG, das anläss­lich der Anre­gung der Nach­lass­pfle­ge­rin vom 2. Novem­ber 2009, also nach dem Inkraft­tre­ten des FamFG, ein­ge­lei­tet wur­de.
b)
7
Die befris­te­te Beschwer­de ist statt­haft und auch im übri­gen zuläs­sig (§§ 353 Abs. 2, 58 ff FamFG).
8
Ins­be­son­de­re ist der Beschwer­de­füh­rer beschwer­de­be­rech­tigt gemäß § 59 Abs. 1 FamFG. Frist und Form für die Beschwer­de­ein­le­gung sind gewahrt (§§ 63, 64 FamFG) und der Beschwer­de­wert (§ 61 Abs. 1 FamFG) erreicht. Die unter­las­se­ne Beschwer­de­be­grün­dung (§ 65 Abs. 1 FamFG) ist unschäd­lich (Gott­wald in Bassenge/Roth, FamFG/RpflG, 12. Aufl. 2009, § 65 FamFG Rn. 2).
9
Der Zuläs­sig­keit steht § 353 Abs. 2 FamFG nicht ent­ge­gen.
10
Zwar ist der Erb­schein bereits ein­ge­zo­gen, so dass die Beschwer­de gegen den Ein­zie­hungs­be­schluss nur inso­weit zuläs­sig ist, als die Ertei­lung eines neu­en gleich­lau­ten­den Erb­scheins bean­tragt wird (§ 353 Abs. 2 Satz 1 FamFG). Die Beschwer­de gilt jedoch im Zwei­fel als Antrag auf Ertei­lung eines neu­en gleich­lau­ten­den Erb­scheins (§ 353 Abs. 2 Satz 2 FamFG; J. May­er in Mün­che­ner Kom­men­tar, ZPO, Bd. 4, FamFG, 3. Aufl. 2010, § 353 Rn. 16; Bas­sen­ge in Bassenge/Roth, FamFG/RpflG, 12. Aufl. 2009, § 353 FamFG Rn. 15; Zim­mer­mann in Kei­del, FamFG, 16. Aufl. 2009, § 353 Rn. 20–22; je m.w.N.), so dass nach der gesetz­li­chen Aus­le­gungs­re­gel von der Zuläs­sig­keit des Rechts­mit­tels aus­zu­ge­hen ist.
c)
11
Die Beschwer­de hat auch in der Sache Erfolg.
12
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Nota­ri­ats ist die Nach­er­ben­ein­set­zung des Beschwer­de­füh­rers nicht gemäß § 134 BGB i.V.m. § 14 LHeimG B-W (bzw. frü­her § 14 HeimG) unwirk­sam, so dass der erteil­te Erb­schein gem. § 2361 BGB als unrich­tig ein­zu­zie­hen war.
13
Das nota­ri­el­le Tes­ta­ment der Erb­las­se­rin wur­de am 16. Juli 1974 errich­tet.
14
Das Heim­ge­setz vom 7. August 1974 trat gem. § 25 HeimG am 1. Janu­ar 1975 in Kraft. Eine Rück­wir­kung wur­de ihm nach den Über­gangs­vor­schrif­ten in § 23 HeimG nicht bei­ge­mes­sen, auch nicht bezüg­lich sei­nes § 14.
15
Das LHeimG B-W stammt sei­ner­seits vom 10. Juni 2008. Der dor­ti­ge § 14 in sei­ner aktu­el­len Fas­sung hat nicht § 14 HeimG ersetzt (vgl. Wort­laut der bei­den Vor­schrif­ten).
16
Danach erfolg­te die Tes­ta­ments­er­rich­tung zu einem Zeit­punkt, als das Heim­ge­setz weder ver­kün­det noch in Kraft getre­ten war, so dass ein Ver­stoß gegen die­ses mit der Fol­ge der Nich­tig­keit gem. § 134 BGB nicht vor­ge­le­gen hat­te.
17
Anders als beim Ver­mächt­nis, das unwirk­sam ist, wenn es beim Ein­tritt des Erb­falls gegen ein zu die­ser Zeit bestehen­des gesetz­li­ches Ver­bot ver­stößt (§ 2171 Abs. 1 BGB), ist im übri­gen für die Anwend­bar­keit von § 134 BGB auf letzt­wil­li­ge Ver­fü­gun­gen der Zeit­punkt der Tes­ta­ments­er­rich­tung bzw. des Abschlus­ses des Erb­ver­trags maß­geb­lich (Sack in Stau­din­ger BGB, Bear­bei­tung 2003, § 134 Rn. 54 und 55; Arm­brüs­ter in Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, 5. Aufl. 2006, Rn. 20; Wendt­land in Bamberger/Roth, Beck’scher online-Kom­men­tar, Stand 1.2.2010, Edi­ti­on 17, § 134 Rn. 3; Dör­ner in Schul­ze u.a., BGB, 6. Aufl. 2009, § 134 Rn. 2 und 5; je m.w.N.). Wird nach der Vor­nah­me eines zu die­sem Zeit­punkt recht­mä­ßi­gen Rechts­ge­schäfts — wie auch der Tes­ta­ments­er­rich­tung — ein Gesetz erlas­sen, dass Rechts­ge­schäf­te die­ser Art ver­bie­tet, so wirkt das Gesetz grund­sätz­lich nur für die Zukunft. Es berührt die Wirk­sam­keit frü­he­rer Rechts­ge­schäf­te nicht. Rück­wir­kend nich­tig nach § 134 BGB wird ein Rechts­ge­schäft durch ein spä­ter erlas­se­nes Ver­bots­ge­setz aus­nahms­wei­se nur dann, wenn sich dies aus­drück­lich und zuläs­sig Rück­wir­kung bei­legt, was im HeimG gera­de nicht gesche­hen ist.
18
Ledig­lich beim Ver­mächt­nis, durch das für den Bedach­ten das Recht begrün­det wird, von dem Beschwer­ten die Leis­tung des ver­mach­ten Gegen­stan­des zu for­dern (schuld­recht­li­cher Anspruch gem. § 2174 BGB; Eden­ho­fer in Palandt, BGB, 69. Aufl. 2010, § 2174 Rn. 1 m.w.N.) sah sich der Gesetz­ge­ber ver­an­lasst, nicht auf den Zeit­punkt der Tes­ta­ments­er­rich­tung, son­dern auf den des Erb­falls abzu­stel­len (§ 2171 Abs. 1 BGB). Dem ent­spricht auch die Auf­fas­sung, dass aus einem ursprüng­lich recht­mä­ßi­gen und spä­ter ver­bo­te­nen Rechts­ge­schäft ana­log § 275 BGB kei­ne Erfül­lungs­an­sprü­che mehr her­ge­lei­tet wer­den kön­nen (Sack, a.a.O., § 134 Rn. 55 m.w.N.), wozu der schuld­recht­li­che Ver­mächt­nis­an­spruch zu zäh­len wäre. § 2171 Abs. 1 BGB führt dabei der Rege­lung des § 134 BGB kei­nen zwei­ten Unwirk­sam­keits­grund in Gestalt des Ver­bots­ver­sto­ßes zur­zeit des Erb­falls hin­zu, son­dern ver­la­gert den maß­geb­li­chen Zeit­punkt für den Unwirk­sam­keits­grund von der Vor­nah­me auf das Wirk­sam­wer­den des Rechts­ge­schäfts, so dass es nicht auf den Zeit­punkt der Anord­nung des Ver­mächt­nis­ses, son­dern auf den des Erb­falls ankommt (Otte in Stau­din­ger BGB, Bear­bei­tung 2003, § 2171 Rn. 7; Rey­mann in juris­PK-BGB, 4. Aufl. 2008, § 2171 Rn. 4; Schlichting in Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, 5. Aufl. 2009, § 2171 Rn. 6; Arm­brüs­ter, a.a.O., § 134 Rn. 20; je m.w.N.).
19
Nicht gefolgt wer­den kann der Auf­fas­sung von Otte, a.a.O., Vor­bem. zu §§ 2064–2086 Rn. 141 (mit Ver­weis auf: Lange/Kuchinke § 35 II 3 e; Brox Rn. 261; Soergel/Stein § 1937 Rn. 20), der grund­sätz­lich auf die Rechts­la­ge z.Z. des Erb­falls und nicht auf die der Tes­ta­ments­er­rich­tung abstel­len will. Eine Begrün­dung für die­se Rechts­mei­nung wird von Otte nicht gege­ben. Wür­de die­ser gefolgt, dann wäre die aus­drück­lich gesetz­lich gere­gel­te Ver­la­ge­rung des Zeit­punk­tes von der Anord­nung des Ver­mächt­nis­ses auf den Ein­tritt des Erb­falls in § 2171 Abs. 1 BGB über­flüs­sig gewe­sen.
20
In den zahl­rei­chen zu §§ 14 HeimG ‚134 BGB ergan­ge­nen Ent­schei­dun­gen datie­ren die letzt­wil­li­gen Ver­fü­gun­gen im übri­gen jeweils auf die Zeit nach dem Inkraft­tre­ten des Heim­ge­set­zes (vgl. u.a.: Bay­O­bLG NJW 1992, 55; Bay­O­bLG Fam­RZ 1992, 975; Bay­O­bLG NJW 1993, 1143; OLGR Saar­brü­cken 1998, 92; KG Ber­lin NJW-RR 1999, 2; BVerfG NJW 1998, 2964; Bay­O­bLG NJW 2000, 1875; Bay­O­bLG NJW-RR 2001, 295; OLG Frank­furt NJW 2001, 1504; Bay­O­bLG Fam­RZ 2003, 1882).
21
Bei der vom Nach­lass­ge­richt zitier­ten Ent­schei­dung OLG Mün­chen NJW 2006, 2642, han­delt es sich ohne­hin um die Fra­ge der Wirk­sam­keit eines Ver­mächt­nis­ses und damit um die Erfül­lung eines schuld­recht­li­chen Anspruchs, für den der maß­geb­li­che Zeit­punkt kraft Geset­zes auf den des Erb­falls ver­la­gert wur­de.
22
Im Fall der hier zu beur­tei­len­den Nach­erb­fol­ge geht jedoch gem. §§ 1922 Abs. 1, 2100, 2139 BGB mit dem Tod des Vor­er­ben die Erb­schaft als Gan­zes auf den Nach­er­ben über, ohne dass wei­te­re Erfül­lungs­hand­lun­gen erfor­der­lich und wegen des zwi­schen­zeit­li­chen Inkraft­tre­tens des Heim­ge­set­zes mög­li­cher­wei­se unwirk­sam wären.
23
Denn abzu­stel­len ist vor­lie­gend allein auf den Zeit­punkt der Tes­ta­ments­er­rich­tung, der vor dem Erlass der Ver­bots­norm des § 14 HeimG lag, wes­we­gen die­se auf die tes­ta­men­ta­risch ange­ord­ne­te Nach­erb­fol­ge des Beschwer­de­füh­rers kei­nen Ein­fluss hat.
d)
24
Nach­dem die Ein­zie­hung des Erb­scheins bereits erfolgt ist und des­sen Kraft­lo­sig­keit bewirkt hat (§ 2361 Abs. 1 Satz 2 BGB), kann die Beschwer­de gegen den Ein­zie­hungs­be­schluss nicht mehr die Rück­gän­gig­ma­chung der Ein­zie­hung zum Ziel haben, son­dern ledig­lich die Ertei­lung eines neu­en, dem ein­ge­zo­ge­nen gleich­lau­ten­den Erb­scheins (§ 353 Abs. 2 Satz 1 FamFG). Eine Auf­he­bung des Ein­zie­hungs­be­schlus­ses kommt hier­bei nicht in Betracht, weil die­se zur Fol­ge hät­te, dass der ursprüng­lich ein­ge­zo­ge­ne Erb­schein wie­der zurück­ge­ge­ben wer­den müss­te, was wegen der Gut­glau­bens­funk­tio­nen (§§ 2365 ff BGB) nicht mög­lich ist (Zim­mer­mann, a.a.O., § 353 FamFG Rn. 20 m.w.N.).
25
Dem­entspre­chend war unter Berück­sich­ti­gung der Aus­le­gungs­re­gel in § 353 Abs. 2 Satz 2 FamFG das Nach­lass­ge­richt anzu­wei­sen, dem Beschwer­de­füh­rer einen neu­en, dem ein­ge­zo­ge­nen gleich­lau­ten­den Erb­schein zu ertei­len.
26
Inso­weit hat­te die Beschwer­de in vol­lem Umfang Erfolg.
e)
27
Die Kos­ten­ent­schei­dung beruht auf § 81 Abs. 1 Satz 1 und 2 FamFG (Gott­wald, a.a.O., § 84 FamFG Rn. 6) sowie auf § 131 Abs. 3 Kos­tO, aus dem die Gebüh­ren­frei­heit des Beschwer­de­ver­fah­rens folgt. Im übri­gen kam der Aus­spruch einer Kos­ten­er­stat­tung nach bil­li­gem Ermes­sen (§ 81 Abs. 1 Satz 1 FamFG) im Hin­blick auf die Kom­ple­xi­tät der vor­lie­gend zu ent­schei­den­den Rechts­pro­ble­me nicht in Betracht.
28
Bei der Fest­set­zung des Beschwer­de­werts gemäß § 131 Abs. 4, 30 Kos­tO wur­de die vom Beschwer­de­füh­rer erstreb­te Fest­stel­lung als allei­ni­ger Nach­er­be am Rein­nach­lass von 304.500 EUR (§ 107 Abs. 2 Satz 1 Kos­tO) zu Grun­de gelegt (Hart­mann, KostG, 40. Aufl. 2010, § 131 Kos­tO Rn. 13 “Erb­schein”, § 30 Kos­tO Rn. 26 “Erb­schaft”, je m.w.N.).
f)
29
Die Vor­aus­set­zun­gen für die Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de lie­gen gem. § 70 FamFG nicht vor. Nach­dem — wie die zitier­te Recht­spre­chung zur Pro­ble­ma­tik der §§ 14 HeimG, 134 BGB gezeigt hat — es sich letzt­lich um eine Ein­zel­fall­ent­schei­dung han­delt, kommt der Rechts­sa­che weder grund­sätz­li­che Bedeu­tung zu noch erfor­dern die Fort­bil­dung des Rechts oder die Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung eine Ent­schei­dung des Rechts­be­schwer­de­ge­richts.

OLG Stutt­gart Beschluß vom 24.6.2010, 8 W 241/10

Infor­ma­tio­nen:

  • Ver­öf­fent­licht: 03.09.2010